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Medienschaffende: Anwender und Entwickler? – eine Klarstellung

Mittwoch, 28. September 2011

„Nur“ – Ein Problem

Gestern ging ich mit meinen Freunden aus der Medienlandschaft Abends aus. Dabei musste ich mal wieder feststellen, dass da unter uns immer wieder eine Aussage vor allem in Künstler-/Designerkreisen zu hören ist, die schlichtweg falsch und etwas besorgniserregend ist. „Ich bin nur User, Code schreiben hat mir halt noch nie Spaß gemacht“ sagte beispielsweise ein Videoproducer mit einschlägiger Erfahrung in 3D Arts und Animation.

Wenn ihr mich fragt, am meisten stört mich dieses „nur“ in seiner Aussage – „NUR“! Hiermit spricht er indirekt eine Grundproblematik aus, die hier mal genauer beleuchtet werden muss. Abgesehen davon ist natürlich auch die Aussage er sei User ganz grundsätzlich falsch. So, und jetzt folgt eine kleine Klarstellung über die Klassifizierung der Tätigkeitsfelder unter uns Medienschaffenden:

Entwickler und User

Wenn du ein Medienwerk erschaffst bist du selbst Entwickler und nicht „nur“ User. Dabei spielt es keine Rolle ob du in schöner und inutitiv bedienbarer GUI mit drag and drop ein grafisches Werk anhand vieler Mausklicks erschaffst oder ob du in einer IDE anhand vieler Tastendrucke deinen objektorientierten Code produzierst. Klar ist der Eine des Anderen User, jedoch ist er in Folge dessen auch selbst Entwickler. Viel wichtiger ist außerdem, dass dies garnichts über die Qualität der jeweiligen Tätigkeit aussagt. Denn schließlich hat jeder Entwickler naturgemäß für seine Entwicklungen auch User. Das Ergebnis der Tätigkeit besagten Videoproducers wird beispielsweise ja auch wieder weiterverwendet bzw. konsumiert.

Das schlechte Gewissen

Das vielleicht etwas schlechte Gewissen, welches mit dem „nur“ zum Ausdruck kommt, rührt daher, dass der Videoproducer mit der von ihm verwendeten Software möglicherweise schneller und manchmal auch härter an die Grenzen des für ihn Machbaren stößt als der Programmierer, der diese Software entwickelt. So ist halt das System. Je weiter oben du auf dem Entwicklerbaum sitzt, desto weniger kannst du im Alleingang etwas am Stamm bewegen. Aber hey, du bist stattdessen den Früchten des Schaffens, dem Ergebnisprodukt des ganzen Baumes auch etwas näher.

Grenzen der Programmierer

Das Programmierer grundsätzlich mehr Schaffensfreiheit haben ist im Grunde auch ein Trugschluss, denn diese stoßen nach oben hin irgendwann auch an eine Grenze, die Grenze ihrer Kreativität. Diese Grenze ist je nach Person etwas härter oder etwas weicher, aber in jedem Fall vorhanden. Schließlich kann man nicht alle Disziplinen auf höchstem Niveau verfolgen.

Was bringt mir als Programmierer beispielsweise die Fähigkeit anhand eines Schiebereglers in der Software alles steuern zu können, wenn ich erstens nicht einschätzen kann welche Anforderung aus sicht des Anwenders überhaupt an die Funktionalität des Reglers gestellt wird, und zweitens dann nichtmal wüsste wohin ich ihn schieben muss, damit das damit erzeugte Resultat stimmig wird, sofern ich ihn produktiv einsetzen würde. Es braucht also hierzu die kreativen Fachleute, die sagen was sie brauchen um wiederum ihren eigenen Bereich bedienen zu können.

Zum Stamm des Entwicklerbaums hin haben Programmierer auch klare Grenzen. Die Hardware können dann nämlich die wenigsten noch selbst entwickeln. In Bezug dazu finden sich dann diejenigen Programmierer die möglicherweise auch mal ein „nur“ aussprechen.

Generalisten

Und wie siehts mit Generalisten aus? Generalisten könnte man unserer Metaphorik folgend als Fasern bezeichnen, die sich durch weite Teile des Baumes ziehen und diesen damit zusammenhalten. Sie sorgen für die nötige Stabilität des Baumes indem sie ihrem vielfältigen Tätigkeitsfeld entsprechend die Fähigkeit zur interdisziplinären Kommunikation wesentlich weiter ausprägen. Aufgrund der Bregrenztheit ihres einschlägigen Fachwissens sind sie sogar bei komplexeren Aufgaben in der Pflicht, den Austausch mit Fachexperten zu führen, wenn das Ergebnis höchstes Niveau erreichen soll.

Kommunikation ist das A und O

Alle Entwickler unseres Baumes sind also voneinander abhängig und auf Kommunikation und Zusammenarbeit angewiesen. Generalisten bieten eine großartige Chance die Kommunikation zu fördern und außerdem den Blick fürs Ganze zu behalten. Dieses kommunikative Umfeld sollten wir alle gemeinsam so gut es geht ausgestalten, denn die Fähigkeit zum Dialog sichert und stabilisiert die Position jedes Einzelnen. Somit profitieren alle, sogar der Endanwender, der letztlich die Qualität des Ergebnisses all unseres Schaffens zu schätzen weiß.

Nicht „nur“ Negativ

Um noch einmal auf die einleitende Aussage zurückzukommen, man erkennt hierin natürlich nicht nur Zweifel sondern auch den Wunsch des Entwicklers nach mehr Generalität ausgehend vom eigenen Fachgebiet. Diese Interpretation des „nur“s ist sehr positiv. Es ist nämlich für jeden von uns wichtig, sich nicht in seinem Fachgebiet einzusperren. Gerade der schnelllebige Medienbereich fordert uns regelrecht heraus über den eigenen Horizont hinaus blicken zu können um zumindest die nötige Kompetenz für den interdisziplinären Dialog mitzubringen und die Hintergründe für den eigenen Anwendungsbereich besser zu verstehen.

Fazit

Lasst uns in Zukunft bitte keine qualitativen Unterschiede mehr, aufgrund unseres Tätigkeitsfeldes als solches, machen. Die einen finden ihre Begeisterung eben für das eine und die anderen für das andere, fertig, aus, abgehakt! Jetzt wendet sich bitte jeder wieder seiner Leidenschaft zu und vergisst das „nur“ endgültig. Keiner muss sich für seine fachlichen Grenzen rechtfertigen, wenn er seinen Platz gewissenhaft ausfüllt und hin und wieder über den Tellerrand blickt.